Von der Studienphase zum nachhaltigen Engagement der Industrie – und die Entwicklung der EW Cloud
G-286 wechselt von NIAG zu NIIG
Die ursprünglich im Mai 2023 im Rahmen der NATO-Industrieberatungsgruppe (NIAG) gegründete SG-286 der NATO wurde offiziell in eine NATO-Industrie-Schnittstellengruppe (NIIG) umgewandelt. Diese strukturelle Veränderung ist mehr als nur eine administrative Anpassung – sie spiegelt den Übergang der NATO von konzeptionellen Studien hin zu einer nachhaltigen industriellen Umsetzung wider.
„Eine NIAG ist eine Beratergruppe. Wenn die Empfehlungen umsetzbar sind, kann die NATO ein Branchenteam einrichten, das bei der Umsetzung der Fähigkeiten hilft. Hier kommt die NIIG ins Spiel.“ so Prof. Mark Elson vom britischen Defence Science and Technology Laboratory (Dstl).
Während SG-286 die von ACG3/SG2 geleitete SEAD-2030-Fähigkeitsprüfung unterstützte und beratend zu Konzepten, Prozessen, Werkzeugen und Infrastruktur beitrug, institutionalisiert das NIIG-Format die langfristige Zusammenarbeit zwischen der NATO und der Industrie. Anstelle einer zeitlich begrenzten Analyse ermöglicht der neue Rahmen eine kontinuierliche Einbindung der Industrie in den Bereichen Experimentierung, Standardisierung, Prototypenentwicklung und Einführung von Fähigkeiten.
Ein besonders wichtiger Aspekt dieses umfassenden Wandels betrifft die Weiterentwicklung des EW-Cloud-Konzepts der NATO.
Im April 2024 wurde die NATO-Studiengruppe 299 (SG299) unter der Leitung der NIAG damit beauftragt, die Architektur und das Datenmodell einer föderierten, domänenübergreifenden Cloud für elektronische Kriegsführung (EW) zu definieren. Die Mitte 2025 vorgelegten Studienergebnisse legten den architektonischen Grundstein für ein vernetztes, verteiltes EW-Ökosystem, das für den Einsatz in den Bereichen Land, Luft, See, Weltraum und Cyberspace konzipiert ist.
Der Übergang zur NIIG stellt sicher, dass die im Rahmen der SG299 entwickelten architektonischen Grundlagen nicht nur Theorie bleiben. Stattdessen ermöglicht er eine nachhaltige industrielle Zusammenarbeit, um die Studienergebnisse in interoperable Standards, technische Implementierungen und möglicherweise einen zukünftigen STANAG-Rahmen umzusetzen.
Die EW Cloud: Eine verteilte, KI-gestützte Entscheidungsarchitektur
Die EW Cloud ist als integratives Rückgrat für moderne elektromagnetische Operationen konzipiert. Ihr Ziel ist nicht nur die Datenaggregation, sondern die operative Koordination in Echtzeit.
Zu den wichtigsten Merkmalen gehören:
- Nahezu Echtzeit-Konnektivität über Domänen hinweg: Sensoren, Plattformen, Effektoren und Befehlselemente sind über eine sichere, verteilte Infrastruktur miteinander verbunden.
- KI-gestützte Datenfusion: Große Mengen heterogener Sensordaten werden auf Backend-, Fog- und Edge-Ebene verarbeitet, wodurch innerhalb der operativen Zeitvorgaben umsetzbare Erkenntnisse gewonnen werden können.
- Edge-fähige Ausfallsicherheit: Die Rechenressourcen werden von strategischen Rechenzentren bis hin zu taktischen Knotenpunkten im Einsatzgebiet verteilt, wodurch die Überlebensfähigkeit und die Kontinuität der Mission gewährleistet sind.
- Föderierte Architektur: Das System ist so konzipiert, dass es nationale Ressourcen integriert und gleichzeitig die Datenhoheit wahrt.
Innerhalb von SEAD-Operationen ermöglicht eine solche Cloud-Struktur koordinierte Aktionen zwischen Ersatzressourcen, Fernübertragungsgeräten, bemannten Flugzeugen und bodengestützten Systemen. Der Schwerpunkt verlagert sich daher von isolierten Plattformfähigkeiten hin zu einem netzwerkzentrierten, spektrumweiten Betriebsmodell.
Der Beitrag von PLATH: Von der Architektur zur agilen Umsetzung
Innerhalb der SG299 leitete PLATH die Arbeitsgruppe „Plattformarchitektur“ und übernahm branchenübergreifend die Verantwortung für die Abstimmung der Architekturprinzipien zwischen den verschiedenen Bereichen und Interessengruppen. Der Schwerpunkt lag dabei nicht auf einzelnen Lösungen, sondern auf der Gewährleistung von Interoperabilität, Ausfallsicherheit und langfristiger Skalierbarkeit innerhalb eines föderierten NATO-Rahmens.
Die auf Branchenebene innerhalb der NIAG 299 gemeinsam vereinbarte Architekturkoordination und das technische Konzept sind für uns nicht abstrakt geblieben. Wir haben diese Prinzipien bereits konzeptionell in unseren SDI Core integriert – unser modulares, verteiltes Intelligence-Framework.
Mit anderen Worten: Was im Rahmen der NATO-Studie gemeinsam entwickelt wurde, wird in München gemeinsam mit PLATH Solutions durch agile Implementierung und Experimentieren aktiv validiert und verfeinert.
Durch die Ausrichtung unserer SDI-Kernarchitektur auf die Prinzipien der föderierten EW-Cloud – darunter verteilte Verarbeitung, interoperable Datenmodelle und robuste Edge-Integration – tragen wir dazu bei, die Lücke zwischen Architekturdefinition und operativer Leistungsfähigkeit zu schließen.
Über die Architektur hinaus treibt PLATH weiterhin passive Sensorik- und Kommunikationsintelligenztechnologien voran, die mit der EW-Cloud-Philosophie im Einklang stehen: Minimierung der elektromagnetischen Signatur bei gleichzeitiger Maximierung des Situationsbewusstseins. Diese verteilten Sensorknoten sind so konzipiert, dass sie als Beiträge mit geringer Signatur innerhalb einer föderierten, cloudfähigen Entscheidungsumgebung fungieren.
Institutionalisierung der langfristigen Zusammenarbeit zwischen der NATO und der Industrie
Der Übergang von NIAG zu NIIG stellt daher mehr als nur eine Verfahrensänderung dar. Er gewährleistet Kontinuität zwischen:
- Konzeptdefinition (SG299-Architekturarbeit)
- Standardisierung und Entwicklung der Interoperabilität
- Industrielle Prototypenentwicklung und Erprobung
- Einsatz der operativen Fähigkeiten
Durch die Einbindung der Industrie in den langfristigen Lebenszyklus der SEAD 2030-Aktivitäten sichert sich die NATO einen nachhaltigen Zugang zu technologischen Innovationen und stellt gleichzeitig sicher, dass Architekturkonzepte wie die EW Cloud zu einsetzbaren, widerstandsfähigen und interoperablen Fähigkeiten weiterentwickelt werden.
In diesem Zusammenhang wird die NIIG zur operativen Brücke zwischen strategischen Zielen und technischer Umsetzung – und die EW Cloud wandelt sich von einem Studienkonzept zu einem strukturierten, mehrjährigen Umsetzungsvorhaben, das von der europäischen Industrie unterstützt wird.